Mit dem Werk Woman with umbrella führt die Künstlerin den Betrachter in eine stürmische, hochempathische Sequenz ihres luziden Traumarchivs. Das Bild bricht mit einer unruhigen, dichten Struktur und einem vehementen, kraftvollen Farbauftrag über die Leinwand herein. Der figurative Titel evoziert die Silhouette einer Frau mit Regenschirm, doch die Darstellung verweigert sich einer fotorealistischen Abbildung. Sie löst sich stattdessen in eine expressive, tiefenpsychologische Bewegungsstudie auf, die das Motiv des Schutzes und des Ausgesetztseins im Traum untersucht.
In der formalen Umsetzung tritt die Meisterschülerschaft von Professor Markus Lüpertz hier besonders deutlich hervor. Die kompromisslose Autonomie der Form und die physische Rohheit des Farbauftrags dominieren das Geschehen. Die Künstlerin arbeitet mit einer spannungsgeladenen, fast erdigen Farbpalette: Dominante Nicht-Farben wie tiefes Schwarz und nuanciertes Grau treffen auf erdige Brauntöne. Mit pastosem Gestus bricht sie diese düstere, schwere Dynamik auf, indem sie lichte Akzente in reinem Weiß und zartem Pastellrosa setzt. Diese sanften Töne wirken wie flüchtige Lichtblicke oder emotionale Ruhepunkte innerhalb einer ansonsten stürmischen und fragmentierten Traumlandschaft. Die unruhigen Texturen lassen die Oberfläche vibrieren und vermitteln das Gefühl von Bewegung, Wind und der Flüchtigkeit eines Traummoments.
Inhaltlich bewegt sich das Werk im Kern Ihrer künstlerischen Praxis: dem Festhalten einer flüchtigen Traumvision bei gleichzeitiger geistiger Klarheit. Die Figur der Frau mit dem Schirm wird zur Chiffre für das Ich im luziden Traum, das den Elementen des eigenen Unterbewusstseins begegnet. Der Schirm fungiert dabei als Symbol für die bewusste Kontrolle (den Schutz), die die Künstlerin im Traum aufrechterhält, während die raue Malerei die ungezähmte Energie des Traums widerspiegelt. Woman with umbrella ist ein energetisches Zeugnis des neoexpressionistischen Gestus – eine rohe und zugleich sensible Übersetzung eines nächtlichen Erlebens.

